Musik als therapeutisches Medium, digitale Analysewerkzeuge und internationale Zusammenarbeit: Auf dem Europäischen Musiktherapiekongress in Hamburg zeigte die THWS mit neun Beiträgen, wie relevant Musiktherapieforschung heutzutage ist.
Veröffentlicht am 31.07.2026
Bei Musiktherapie geht es vereinfacht gesagt um einen Prozess, der Musik dazu einsetzt, den Gesundheitszustand von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Das kann entweder durch eigenständiges Musizieren erfolgen oder auch durch das Wahrnehmen von Musik. Gerade im Zusammenspiel zwischen Therapeut und Klient können dadurch Dinge zum Ausdruck gebracht werden, die verbal aus unterschiedlichen Gründen nicht übermittelt werden können.
Alle drei Jahre findet die Europäische Musiktherapie-Konferenz (EMTC) statt. 2025 fand die EMTC in Hamburg unter dem Motto „Bridges“ statt – und damit zum ersten Mal seit über 40 Jahren wieder in Deutschland. Die THWS war mit zahlreichen Beiträgen und Forschenden vor Ort. Einer davon war Prof. Dr. Thomas Wosch, Studiengangleiter im Master Musiktherapie für Empowerment und Inklusion an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Würzburg Schweinfurt (THWS).
Die THWS mit hohem Stellenwert in der Musiktherapie
Die Hochschule nimmt mit eigenen Projekten regelmäßig an den Europakongressen teil. Als einer der vier wissenschaftlichen Beiräte der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft war Prof. Dr. Wosch aktiv an der Planung des Kongresses im Jahr 2025 beteiligt. Eine automatische Teilnahme der THWS-Projekte ist damit jedoch nicht gewährleistet. Für die Kongressbeiträge gilt es, ein entsprechendes Auswahlverfahren zu durchlaufen und eine unabhängige Jury zu überzeugen. Die THWS konnte hier mit mehreren Beiträgen punkten. „Es war wirklich spitze, dass wir mit neun Beiträgen überzeugen konnten und dort präsentieren durften. Das war schon besonders“, resümiert Prof. Dr. Wosch.
Ein großer Schwerpunkt lag dabei auf dem Themenfeld Musiktherapie für Menschen mit Demenz und Depression. Die neun Beiträge zeigen auch, welch großen Stellenwert die Musiktherapieforschung an der THWS auch international hat. Drei bezahlte Doktoranden- Stellen gibt es im Bereich Musiktherapie in Würzburg. Das allein ist bereits ein Zeichen, denn Doktoranden-Stellen auf diesem Gebiet sind in Deutschland eher rar. Prof. Dr. Wosch erklärt: „Was die Wirkungsforschung betrifft, haben wir eine führende Rolle innerhalb Deutschlands. Außerdem betrifft die führende Rolle auch den Einsatz von Digitalisierung in der Diagnostik.“
Das Motto der Konferenz lautete diesmal „Bridges“ - also „Brücken“. Für die Musiktherapie spielt das Wort „Brücken“ in verschiedener Hinsicht eine Rolle: zum einen die Brücke zwischen Forschung und dem tatsächlichen Einsatz in der Praxis, zum anderen auch in Bezug auf die hohe Relevanz interdisziplinärer und internationaler Zusammenarbeit. So muss sich beispielsweise der beteiligte Informatiker in die Musiktherapie eindenken und der Musikwissenschaftler andersherum auch in die relevante Informatik.
Auf nationaler Ebene arbeiten die Forschungsprojekte mit verschiedenen Stiftungen, wie beispielsweise der Hanns-Seidel-Stiftung, zusammen, was sowohl finanziell von enormer Bedeutung ist als auch in der politischen Kommunikation. Für wirksame Forschung braucht es die nötigen Ressourcen - daher ist die Sichtbarkeit nach außen beim Thema Musiktherapie ein wichtiger Faktor. Dafür wiederum spielt die internationale Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. In Deutschland gibt es gerade einmal elf Professorinnen und Professoren für Musiktherapie. „Wir sind als Fach sehr klein, obwohl wir relevant für Millionen von Menschen sind“, erklärt Prof. Dr. Wosch. „Daher müssen wir international arbeiten, weil wir im Land nicht alles machen können und entsprechende Reichweite benötigen.“ In dieser Hinsicht bietet der europäische Kongress die ideale Möglichkeit zum Austausch. „Aus persönlichen Begegnungen entstehen ganz wichtige neue Ansätze, und dann haben wir zum Teil gleich am selben Abend noch eine Sitzung dazu.“
Forschung mit dem Musiktherapie-Tool CAMII
Eines der Projekte, das auf dem Hamburger Kongress vorgestellt wurde, beschäftigt sich mit dem Tool CAMII - kurz für Computational Assessment of Musical Interaction in clinical Improvisation. Bastian Vobig, Doktorand bei Prof. Dr. Wosch, arbeitet nun seit knapp drei Jahren an CAMII. Auf der Suche nach einer Doktorandenstelle im Bereich Musikwissenschaften stieß Bastian Vobig auf das Projekt und war von Beginn an begeistert - und das, obwohl Musiktherapie für ihn zu diesem Zeitpunkt noch relativ unbekannt war. „Ich wusste, dass es existiert, hatte aber noch nie Berührungspunkte damit gehabt. Dementsprechend war das etwas Spannendes und Neues für mich“, erklärt er. Die Begeisterung für das Thema nahm anschließend schnell zu. „Der Gedanke, am Ende einen Impact zu haben, der für die Gesundheit der Menschen von Bedeutung ist, motiviert unglaublich, weiterzumachen und dabeizubleiben.“
Den Grundsatz für CAMII bildet die Annahme, dass menschliches Verhalten sich im musikalischen Verhalten widerspiegelt. In diesem Fall geht es um Menschen mit depressiven Erkrankungen. Die These ist also, dass Menschen mit Depressionen sich musikalisch anders verhalten als gesunde Personen. Spielen nun Therapeut und Klient gemeinsam auf einem Klavier, analysiert CAMII verschiedene Parameter wie Tondichte, Tonhöhe und Lautstärke. Untersucht wird, ob jemand beispielsweise sehr dominant ist, also eher laute Töne spielt und den Ton angibt, oder sich beim Spielen eher an das Gegenüber anpasst. CAMII betrachtet den Verlauf der Improvisation, wertet die Daten aus und ordnet den Patientinnen und Patienten kontinuierlich entsprechende Verhaltensmuster zu. Diese Informationen sollen beim weiteren Therapieverlauf helfen. Erste Ergebnisse bestätigen die These, dass es tatsächlich Unterschiede zwischen gesunden und depressiven Personen gibt. Dieser Zusammenhang muss in den nächsten Jahren jedoch noch weiter erforscht und bestätigt werden.
Dieses Tool und die bisherigen Ergebnisse durfte Bastian Vobig im Sommer auf dem Musiktherapiekongress in Hamburg sowohl in Workshops zum Selbstausprobieren als auch in Form einer Präsentation vorstellen. Ganz nach dem erwähnten Motto „Brücken“ war für ihn vor allem der Austausch mit Therapeutinnen und Therapeuten aus der Praxis besonders wertvoll. „Die wichtige Frage ist für mich: Wie integriere ich das Wissen der Therapeutinnen und Therapeuten in meine Forschung, so dass ich auch tatsächlich einen Mehrwert für die Praxis bringen kann? Dafür ist der Austausch unfassbar wichtig.“ Ein besonderer Moment für Bastian Vobig war zudem die Möglichkeit, als einer von drei deutschen Spezialisten am Schlusspanel des EMTC zum Thema „Künstliche Intelligenz und Musiktherapie“ sprechen zu dürfen.
Künstliche Intelligenz in der Musiktherapie
Auch in der Musiktherapie spielt künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Im Falle von CAMII wird beispielsweise maschinelles Lernen dafür eingesetzt, Daten auszuwerten und zu interpretieren. Diese durch den Computer durchgeführte Auswertung der Daten macht komplexe manuelle Analysemethoden für die klinische Praxis erst nutzbar. Ohne die Unterstützung des Systems würde eine Auswertung der Informationen eine ganze Woche in Anspruch nehmen - und das wäre weder praktikabel noch wirtschaftlich.





