×
Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt

Mobilität ermöglichen, Teilhabe stärken: #KÖPNV für obdachlose Menschen

Wie Studierende der Sozialen Arbeit gemeinsam mit Praxispartnern neue Wege für mehr Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe aufzeigen.

 © THWS/Nadja Schaefer

Ohne Ticket keine Mobilität - und ohne Mobilität keine Teilhabe. Ein studentisches Projekt der THWS zeigt, vor welchen Herausforderungen obdachlose Menschen im Alltag stehen und welche politischen und sozialen Lösungsansätze einen besseren Zugang zum ÖPNV ermöglichen könnten.

Veröffentlicht am 21.09.2026

Einfach in die Straßenbahn oder den Bus steigen, ohne vorher ein Ticket kaufen zu müssen - für viele Studierende mit Deutschlandticket ist das selbstverständlich. Das Smartphone ist griffbereit, der Weg von A nach B erscheint mühelos. Mobilität bedeutet Freiheit, Flexibilität und gesellschaftliche Teilhabe. Doch diese Freiheit ist nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Was für viele zum Alltag gehört, bleibt für andere unerreichbar - weil das Geld fehlt. Besonders obdachlose Menschen spüren, wie sehr fehlende Mobilität ihren Alltag einschränkt.

© THWS/Nadja Schaefer

Ein studentisches Projekt mit gesellschaftlicher Relevanz

Mit dieser Problematik haben sich Masterstudierende des Studiengangs Soziale Arbeit an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) im Sommersemester 2025 intensiv auseinandergesetzt. Geleitet wurde das Projekt von Prof. Dr. Dieter Kulke von der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften. Kooperationspartner waren der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit Bayern e.V. (DBSH) sowie Ben Peter von Streetwork Regensburg. Bereits 2024 hatten DBSH und Streetwork Regensburg ein Konzept für kostenfreien ÖPNV für obdachlose Menschen erarbeitet.

Ziel des Projekts #KÖPNV (kostenloser öffentlicher Personennahverkehr) war es, Wege aufzuzeigen, wie der Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr für obdachlose Menschen verbessert werden kann. „Es ging darum, ihre Lebensverhältnisse, Bedarfe und Herausforderungen sichtbar zu machen und ihre Handlungsmöglichkeiten und Teilhabechancen in der Gesellschaft zu verbessern“, erklärt Prof. Dr. Kulke.

Portraitbild von Prof. Dr. Dieter Kulke.
Prof. Dr. Dieter Kulke von der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften leitete das Projekt #KÖPNV im Masterstudiengang Soziale Arbeit an der THWS (© Johann Grillenbeck)
„In dem Projekt ging es darum, die Lebensverhältnisse, Bedarfe und Herausforderungen von obdachlosen Menschen sichtbar zu machen und ihre Handlungsmöglichkeiten und Teilhabechancen in der Gesellschaft zu verbessern“ - Zitat von Prof. Dr. Dieter Kulke

Mobilität als Schlüssel - und als Problem

In Würzburg leben nach aktuellen Schätzungen rund 600 wohnungslose Menschen. Der Großteil von ihnen wohnt in Einrichtungen oder anderen prekären Verhältnissen, etwa 20 bis 40 Personen gelten als obdachlos und leben dauerhaft auf der Straße. Ohne gültiges Ticket können obdachlose Menschen den ÖPNV nicht nutzen. Häufig fehlt das Geld für Fahrkarten. Wird dennoch ein öffentliches Verkehrsmittel genutzt und es kommt zu einer Kontrolle, droht eine Strafe von 60 Euro wegen Fahrens ohne Fahrschein. Da diese Summe meist nicht bezahlt werden kann, kommt es nicht selten zu Strafverfahren und in letzter Konsequenz zu Haftstrafen. Die dadurch entstehenden Kosten trägt letztlich die Allgemeinheit.

Gleichzeitig sind obdachlose Menschen in besonderem Maße auf Mobilität angewiesen. Sie müssen soziale Angebote wie Wärmestuben oder Beratungsstellen erreichen, Wohnungsbesichtigungen wahrnehmen oder medizinische Termine einhalten. Viele von ihnen sind gesundheitlich eingeschränkt oder erschöpft. Für manche bietet eine Fahrt mit Straßenbahn oder Bus zudem einen geschützten, warmen Ort.

Arbeitsweise und Aufgaben der Studierenden

Innerhalb des Projekts arbeiteten die Studierenden in verschiedenen Gruppen. Sie sammelten Daten und recherchierten bestehende Modelle im Bereich kostenfreier oder vergünstigter Mobilitätsangebote. Zudem führten sie Experteninterviews mit Einrichtungen in Würzburg, die regelmäßig Kontakt zu wohnungs- und obdachlosen Menschen haben und deren Lebensverhältnisse gut kennen. Gespräche fanden unter anderem mit der Bahnhofsmission, Streetwork sowie dem Leiter der Wohnungslosenhilfe der Christophorus-Gesellschaft statt.

Darüber hinaus sprachen die Studierenden mit politischen Akteuren in Würzburg, darunter Mitglieder zweier Stadtratsfraktionen, um die politische Durchsetzbarkeit entsprechender Maßnahmen einschätzen zu können. Ergänzend analysierten sie politische Zuständigkeiten auf Bundes-, Landes- und insbesondere kommunaler Ebene, bestehende Verkehrsangebote sowie die politischen Rahmenbedingungen in Würzburg. Eine zentrale Erkenntnis des Projekts betrifft dabei auch die Rolle Sozialer Arbeit im politischen Kontext. „Politik definiert die Rahmenbedingungen, unter denen Soziale Arbeit in unserem Sozialstaat stattfindet. Gleichzeitig kann Soziale Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen politischen Einfluss nehmen“, betont Prof. Dr. Kulke.

© THWS/Nadja Schaefer

Mögliche Lösungsansätze

In den Gesprächen mit den Experten zeigte sich ein klares Bild: Ein kostenloser öffentlicher Personennahverkehr für alle Menschen wäre aus fachlicher Sicht die einfachste Lösung. Da dieser Ansatz jedoch mit erheblichen finanziellen Herausforderungen verbunden ist, wurde auch über alternative Modelle diskutiert.

Als möglicher Ansatz gilt die Wiedereinführung eines stark vergünstigten Deutschlandtickets. Wie ein solches Modell funktionieren kann, zeigte das 9-Euro-Ticket, das bereits im Sommer 2022 bundesweit angeboten wurde.

Weitere Möglichkeiten sind:

  • vergünstigte Tickets für besondere Zielgruppen (z. B. Sozialtickets), die auch für obdachlose Menschen eingeführt werden könnten,
  • ein Absehen von Strafverfolgung bei obdachlosen Menschen im Fall des Fahrens ohne Fahrschein,
  • oder die Ausgabe kostenloser Tickets über soziale Einrichtungen, etwa die Bahnhofsmission.

Aus Sicht von Prof. Dr. Kulke stellen die letzten beiden Ansätze jedoch keine langfristige Lösung dar, da sie häufig ohne verbindliche Regelungen auskommen, eine Neiddebatte auslösen könnten und teilweise von Spenden abhängig wären. Masterstudentin Selina Schwarz hat mit dem Leiter der Wohnungslosenhilfe der Christophorus Gesellschaft, einem Parteimitglied der Linken sowie mit der Stadträtin der Linken in Würzburg gesprochen. Sie verweist insbesondere auf gesellschaftliche und finanzielle Fragen: „Problematisch bei der Umsetzung sind vor allem die Finanzierung und die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Es stellt sich die Frage, wie begründet werden kann, dass obdachlose Menschen den ÖPNV kostenlos nutzen dürfen, während andere dafür bezahlen müssen.“

Mobilität als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe

Am Ende des Projekts erstellten die Studierenden Policy-Paper, in denen sie die Bedarfe obdachloser Menschen sowie konkrete Umsetzungsvorschläge für einen verbesserten Zugang zum ÖPNV darlegten. Diese Ergebnisse wurden im Rahmen einer Kick-off-Veranstaltung einem Expertengremium vorgestellt, bestehend aus Ben Peter von Streetwork Regenburg sowie Vertretern eines Wohlfahrtsverbandes und der Stadtverwaltung. Ziel der Veranstaltung war es, zentrale Akteure zusammenzubringen, ein gemeinsames Verständnis für die Problemlage zu entwickeln und eine Grundlage für weitere politische Diskussionen zu schaffen.

Portraitbild von Selina Schwarz.
Selina Schwarz ist Masterstudentin im Studiengang Soziale Arbeit an der THWS und führte im Rahmen des Projekts #KÖPNV mehrere Interviews mit Experten (© Emilia Ahme)

Ein solches Projekt politisch durchzusetzen, erweist sich jedoch als anspruchsvoll. Kommunen stehen unter finanziellem Druck und zahlreiche soziale Themen konkurrieren um begrenzte Mittel. Dennoch konnte ein zentrales Ziel erreicht werden: Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen und das Bewusstsein für die Bedeutung von Mobilität für benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu stärken.

Dabei geht es nicht nur um politische Konzepte, sondern auch um gesellschaftliche Haltung. „Gegenseitiger Respekt ist entscheidend. Wir sollten dem Thema Obdachlosigkeit mehr Aufmerksamkeit schenken, genauer hinschauen und die Perspektiven dieser Menschen ernst nehmen“, sagt Selina Schwarz.

Fest steht: Der Zugang zu Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Für obdachlose Menschen ist er unverzichtbar, um grundlegende Bedürfnisse zu sichern, Hilfsangebote wahrzunehmen und Perspektiven für eine Stabilisierung ihrer Lebenssituation zu entwickeln.

„Gegenseitiger Respekt ist entscheidend. Wir sollten dem Thema Obdachlosigkeit mehr Aufmerksamkeit schenken, genauer hinschauen und die Perspektiven dieser Menschen ernst nehmen“ - Zitat von Selina Schwarz

Dieser Artikel wurde im Rahmen des Masterstudiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation verfasst.

Fokus Grün, Nachhaltigkeit an der THWS

Ein Artikel von
Carla Diener