Was passiert, wenn ein zentraler Kulturort verschwindet? Studierende der Geovisualisierung an der THWS entwickelten kreative, datenbasierte Konzepte für eine Alternative zur Posthalle in Würzburg – und zeigen, wie angewandte Hochschullehre gesellschaftliche Debatten bereichern kann.
Veröffentlicht am 22.07.2026
Es hätte einen Einschnitt für die Kulturszene in Würzburg bedeutet: Im Frühjahr 2026 sollte der Mietvertrag der Posthalle enden. Was für viele Musik- und Kulturschaffende ein großes Problem wäre, wurde an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) zum Ausgangspunkt eines besonderen Semesterprojekts: Studierende des Studiengangs Geovisualisierung entwickelten 2025 im vierten Semester unter Leitung von Dozent Stefan Sauer Entwürfe für alternative Kulturorte in Würzburg. Das Motto: „Die Posthalle ist tot. Es lebe die Posthalle!“
Ein reales Problem als Lehrinhalt
Das Semesterprojekt „Projektbezogene Geovisualisierung 4“ entstand auf Anregung der Stadt Würzburg, mit der Stefan Sauer im Rahmen des Moduls seit mehreren Jahren kooperiert. „Die Posthalle ist ein emotional aufgeladenes Thema – kulturell wie stadtpolitisch“, erklärt Stefan Sauer. Das Ziel war es, nicht einfach einen Ersatzbau zu entwerfen und konkret die Posthalle weiter am Leben zu halten, sondern neue, ortsspezifische Konzepte zu entwickeln. „Geovisualisierung hat immer etwas mit räumlichen Zusammenhängen zu tun“, so Sauer. Im Fokus standen somit vor allem zu Beginn reale Standortfaktoren: Verkehrsanbindung, Nachbarschaft, Lärmsensibilität, bestehende Infrastruktur. Exkursionen unter anderem zur Posthalle selbst und zum Nürnberger Z-Bau ergänzten die Analyse.
Die Studierenden arbeiteten eigenständig. Jede Person entwickelte ein eigenes Konzept, vom Standort bis zur finalen Visualisierung auf einem Präsentationsplakat. Zu Beginn gab es eine Kick-off-Veranstaltung, bei der die Vertreter der Stadt grob erklärten was ihnen vorschwebt, somit wurden erste Ideen geboren. Auch der anfängliche Ausflug zur Posthalle gab viel Aufschluss. Der bisherige Betreiber Jojo Schulz machte mit den Studierenden nicht nur einen Rundgang, sondern plauderte aus dem Nähkästchen: Was aktuell vorliegt, welche Schwierigkeiten es gibt und wie die Technik und der Bühnenaufbau in der Posthalle funktioniert konnten die Studierenden von ihm erfahren, aber auch Fragen zur Finanzierung wurden beantwortet. Die Posthalle nimmt in Würzburg eine besondere Stellung ein: Sie ist die einzige Spielstätte der Stadt, die regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen für mehrere Hundert bis zu rund 3.000 Besucherinnen und Besucher ermöglicht und dabei ein breites Spektrum an Formaten abdeckt – von Konzerten verschiedener Genres, über Messen, Flohmärkte bis hin zu Studierendenpartys.
Der Start des Projekts
Zu Beginn des Projekts stand eine offene Erkundungsphase. „Jede und jeder hat zunächst frei überlegt, wo ein solcher Kulturort überhaupt Platz finden könnte“, beschreibt Student Justus Lippert den Start. Durch die Kick-off-Veranstaltung erfuhren sie zunächst, welche Flächen günstig wären und zur Verfügung stehen würden – vom Neuen Hafen über den Glaskeil bis zur ehemaligen Kaserne in Lengfeld. Anschließend wurden die Standorte hinsichtlich räumlicher, städtebaulicher und kultureller Kriterien analysiert. Verkehrsanbindung, Erreichbarkeit und Einbindung ins Umfeld spielten dabei eine zentrale Rolle. Manche Optionen schieden schnell aus: Orte mit schlechter Anbindung, wie etwa das ehemalige IMAX-Kino in Dettelbach, erwiesen sich für ein lebendiges Kulturkonzept als ungeeignet.
Dabei zeigte sich eine überraschende Tendenz: Viele Entwürfe verorteten neue Kulturorte im Areal des Neuen Hafens. „Dass so viele Studierende diesen Raum gewählt haben, hat mich überrascht, aber auch begeistert“, sagt Schulz. Die Nähe zur Innenstadt, Gleisanschlüsse und das industrielle Erbe boten offenbar großes kreatives Potenzial.
Modular im Neuen Hafen
Einen dieser Ansätze entwickelte Justus Lippert. Sein Konzept „Kulturwerft“ sieht eine modulare Anlage im Neuen Hafen vor. Die alte Halle des Kohlelagers sieht er als ganzjähriges Kernstück, welche eine Bühne vorsieht, die sowohl von innen als auch von außen bespielbar ist. Ergänzt wird das Ganze durch Wasserbühnen für Open-Air-Konzerte. Alte Gleise werden genutzt, um ausrangierte Waggons als Ateliers, Cafés oder Büros einzubinden. „Man überlegt automatisch: Was würde ich hier selbst erleben wollen?“, sagt Lippert.
Für die Visualisierung seines Konzepts setzte Justus Lippert auf eine Kombination aus realem Bildmaterial und digitalen Modellen. Mit einer Drohne fertigte er Aufnahmen des Geländes an und integrierte darauf eine 3D-Modellierung seines Entwurfs. Dieser Schritt erwies sich als technisch anspruchsvoll und stellte eine der größten Herausforderungen im Projekt dar. „Gerade diese Schwierigkeiten haben mir viel gebracht“, so Lippert. Ergänzt wurde die Visualisierung durch ein klar strukturiertes Layout mit Skizzen, erklärenden Texten und einem eigens entwickelten Logo, das dem Konzept eine visuelle Identität verleiht.
Rückblickend nimmt Justus Lippert vor allem den Wert realer Bezugspunkte aus dem Projekt mit. „Die Arbeit mit konkreten Orten und realen Dimensionen haben uns geholfen, städtebauliche Zusammenhänge besser zu verstehen. Auch solche, die auf den ersten Blick unsichtbar bleiben“, erklärt er. Zudem habe das Projekt gezeigt, wie wichtig Selbstorganisation im gesamten Prozess ist. Mit Blick zurück würde er weniger detailverliebt arbeiten - eine Erkenntnis, die er als wichtige Vorbereitung auf zukünftige Projekte sieht.
Lernen, selbst zu denken und zu überzeugen
Zentrales Ziel des Semesterprojekts war es, eigene Ideen zu entwickeln und diese durch Visualisierung sichtbar und diskutierbar zu machen. Der thematische Rahmen war bewusst offengehalten, um individuelle Schwerpunkte zu ermöglichen. „Für eine eigene Idee brennt man mehr, als wenn man mit vorgegebenen Konzepten arbeitet“, betont Dozent Stefan Sauer. Das Projekt sollte nicht nur fachliche Kompetenzen stärken, sondern auch Impulse setzen und zeigen, dass von Studierenden tragfähige, zeitgemäße Ansätze für aktuelle kulturelle Fragestellungen hervorgehen können.
Jojo Schulz zeigte sich beeindruckt von den Ergebnissen, insbesondere von den Hafen-Konzepten. Didaktisch markiert das Projekt einen Wendepunkt im Studium. „Nach drei Semestern Anleitung werfen wir die Studierenden bewusst ins kalte Wasser“, erklärt Sauer. Eigenständiges Denken, strukturiertes Arbeiten und das überzeugende Präsentieren eigener Ideen seien zentrale Lernziele gewesen. Oder, wie Sauer es zuspitzt: „Man kann viele Ideen haben, entscheidend ist, ob man sie sichtbar machen und verkaufen kann.“ Genau hier zeigt sich die Stärke der Geovisualisierung: komplexe Inhalte verständlich, anschaulich und diskursfähig aufzubereiten.
Impulse für die Stadt
Auch wenn keine unmittelbare Umsetzung geplant ist, versteht sich das Projekt als Ideenpool. Einige Ansätze, etwa mobile oder temporäre Kulturformate könnten perspektivisch weiterverfolgt werden. Die Zusammenarbeit der THWS und der Stadt Würzburg soll fortgesetzt werden. Was aus der guten, alten Posthalle wird, zeigt wohl nur die Zukunft. Zunächst ist der Fortbestand für weitere fünf Jahre gesichert.
Bachelorstudiengang Geovisualisierung (B. Sc.)
Studiendauer: 7 Semester
Studienort: Würzburg
Besonderheiten:
- Modul Projektbezogene Geovisualisierung in allen Studienabschnitten
- Praxisnahe, anwendungsbezogene und interdisziplinäre Projektarbeit
Weitere Informationen zum Bachelorstudiengang Geovisualisierung




