Auskultation digital erlernen mit „StethoSCOPE“
Eine Augmented-Reality-Anwendung für die medizinische Ausbildung: Wie Susanna Götz im Masterstudium Design und Information ein Projekt mit wissenschaftlichem Anspruch entwickelt hat.
Teil 2 des Zweiteilers über den Master Design und Information an der THWS.
Mit StethoSCOPE entwickelte Susanna Götz im Master Design und Information eine AR-Anwendung, die das Auskultationstraining für Medizinstudierende unterstützt. Die Anwendung macht Herzgeräusche hör- und verortbar. Ein interdisziplinäres Projekt zwischen Design, Medizin und Forschung.
Veröffentlicht am 13.02.2026
Susanna Götz hat sich früh zwischen zwei Welten verortet: Technik und Gestaltung. Nach einer Ausbildung in der medizinischen Elektrotechnik, bei der sie unter anderem mit Dialysegeräten arbeitete, merkte sie schnell, wie stark die Gestaltung von Benutzeroberflächen den Alltag im medizinischen Umfeld beeinflusst. „Diese Geräte sind oft schwer verständlich, weil das Interface nicht mitgedacht wurde. Das macht sie fehleranfällig“, sagt sie. Die Frage, wie sie mit ihrer gestalterischen Perspektive etwas verbessern könnte, ließ sie nicht mehr los.
Nach ihrem Bachelor in Kommunikationsdesign an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) wollte sie tiefer einsteigen. „Ich wollte die Lücke in der Visualisierung medizinischer Daten schließen“, sagt sie. Die Bewerbung für den Master Design und Information bot dafür den passenden Rahmen. Besonders das Modul „Interaktive Medien“ bei Prof. Erich Schöls prägte sie nachhaltig: „Die Symbiose aus Elektrotechnik und Gestaltung hat mich sofort angesprochen.“
Fachlich reizte sie besonders der Sprung von 2D zu 3D: „In der Theorie ist alles flach, aber in der Praxis arbeiten wir mit echten Menschen.“ Ein Perspektivwechsel, der sie auch in ihrer Masterarbeit leitete. Der konkrete Anstoß kam durch einen Podcast: Nur 20 bis 30 Prozent der Auskultationsbefunde seien korrekt. Dabei ist das Stethoskop ein grundlegendes Werkzeug in der Medizin. Für Götz war klar: „Ich wollte dazu beitragen, diese Kompetenz besser trainierbar zu machen.“ So entstand die Idee zu einer Augmented-Reality-Anwendung (AR), die medizinisches Hören nicht nur simuliert, sondern realitätsnah erlebbar macht.
Was ist Auskultation?
Auskultation bezeichnet in der Medizin das Abhören von Körpergeräuschen, oft mit einem Stethoskop, zur Diagnose und Überwachung von Krankheiten. Sie ist eine grundlegende Untersuchungsmethode, bei der medizinisches Personal Geräusche aus Herz, Lunge, Bauch oder anderen Körperregionen abhört, um Hinweise auf Krankheiten zu erhalten.
Wie Augmented Reality beim Lernen hilft
In der Diagnostik gilt das Abhören mit dem Stethoskop als Basismethode und doch wird sie in der Praxis oft ungenau angewendet. Götz besuchte einen Kurs an der Uniklinik Würzburg. „Drei Stunden Unterricht zu Herz, Lunge, Bauch. Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt sie. „Man braucht rund 500 Stunden, um das Hören wirklich zu beherrschen.“
Auf vielen Plattformen wird nur eine Tonspur abgespielt, unabhängig vom konkreten Auskultationspunkt. Doch das sei nicht realistisch. „Man hört zum Beispiel ein Strömungsgeräusch an der Herzklappe, aber an den Rippen klingt es schon wieder anders.“ Auch die wenigen verfügbaren Auskultationspuppen seien mit rund 13.000 Euro sehr teuer und für Studierende kaum zugänglich. „Ich brauche eine 3D-Visualisierung, die mir zeigt: Wo genau höre ich was?“, erklärt Götz. Das war der Ausgangspunkt. Aktuell liegt der Fokus auf dem Herzen, weil es am komplexesten zu interpretieren ist. Eine Erweiterung um Lungengeräusche ist geplant. Die Töne stammen von ihr, aufgenommen mit einem eigens entwickelten Mikrofon-Setup. „Es soll keine cleane Tonspur sein, weil das nicht realistisch für den Alltag der Medizinstudierenden sein wird.“ Derzeit testet sie Bluetooth-Stethoskope, um die aufwendige Verkabelung bei Aufnahmen zu vermeiden.
Gemeinsam mit der Uniklinik Frankfurt entwickelt sie Varianten des Systems weiter: eine Basis-Version für die Lehre, eine erweiterte Version mit anamnesebasierten Fallbeispielen und eine Übungsleiter-Version mit Schauspielenden. „Studierende sollen den Umgang mit echten Menschen lernen, auch die Interaktion, nicht nur das Hören. Wenn sie das vorab üben, verlieren sie Hemmungen und gewinnen Sicherheit.“ Der Prototyp funktioniert bereits mit der Hololens2. Versionen für Meta Quest 3 und Apple Vision Pro sind in Arbeit.
Vom Prototyp zur Promotion
Um realistische Tonaufnahmen zu ermöglichen, entwickelte Götz ein eigenes Mikrofon-Setup, mit dem sie sechs separate Herzgeräusche für sechs spezifische Auskultationspunkte aufnehmen kann. Parallel dazu wagte sie sich auf technisches Neuland: Die Entwicklung der zugehörigen App bedeutete, Programmieren zu lernen - etwas, das sie sich autodidaktisch aneignete. Die Anwendung entstand in einer Game Engine, die ursprünglich für die Entwicklung von Computerspielen gedacht ist. Dabei war der Leitgedanke stets: Was brauchen Medizinstudierende wirklich? Und wie lässt sich das in ein möglichst schlankes, funktionales System übersetzen? Das Ergebnis ist ein Minimum-Viable-Produkt, also eine auf das Minimum beschränkte funktionierende Version, wobei bewusst auf Überfrachtung verzichtet wird: Die Nutzer sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren können - Hören, Lokalisieren, Verstehen.
Parallel zum technischen Aufbau arbeitete Götz eng mit Medizinstudierenden zusammen. Ihre Rückmeldungen und Perspektiven flossen direkt in das Design ein, sowohl funktional als auch gestalterisch. „Das Interesse war von Anfang an groß, weil viele erkannt haben, dass es so etwas bisher nicht gibt“, so Götz. Unterstützt durch das Technologie-Akzeptanz-Modell untersuchte sie die Akzeptanz und Wirksamkeit der Anwendung: Wie realistisch werden die Töne wahrgenommen? Wie intuitiv ist die Navigation? Ist die App eine echte Hilfe im Vergleich zu bisherigen Lernformaten?
Die Benutzerfreundlichkeit, ist ein zentrales Thema ihrer weiteren Forschung. Gemeinsam mit einer Studiengruppe soll das System getestet und weiterentwickelt werden. Langfristig plant sie, StethoSCOPE zu einem umfassenden Trainingssystem auszubauen, das über die reine Simulation hinausgeht und auch kommunikative Aspekte der medizinischen Ausbildung einbezieht. Diese Erkenntnisse sind gleichzeitig Teil ihrer Promotion.
Design als Forschung
Die Arbeit an StethoSCOPE war für Susanna Götz nicht nur ein Studienprojekt – sie war der Einstieg in die Forschung. „Ich habe dadurch eine neue Seite entdeckt: Wissenschaft“, sagt sie. In der Gestaltung gebe es bislang wenig Berührungspunkte zur Forschung. Umso motivierender sei es gewesen, auf Konferenzen über ihr Projekt zu sprechen und für ihre Masterarbeit mit einem Best Paper Award ausgezeichnet zu werden.
Heute arbeitet sie am Institut für Design und Informationssysteme (IDIS) der THWS, in einem Umfeld, das ihr erlaubt, interdisziplinär zu denken und an Projekten mit gesellschaftlicher Relevanz mitzuarbeiten. Neben StethoSCOPE betreut sie dort weitere Forschungsprojekte, unter anderem zur Vermittlung historischen Wissens durch digitale Formate. „Ich finde es großartig, an Dingen zu arbeiten, die wirklich etwas bewegen.“
Ihre Promotion knüpft direkt an das Masterprojekt an. Momentan steht die Benchmark-Analyse im Zentrum: Wie schlägt sich StethoSCOPE im Vergleich zu anderen Lernformaten? Wo kann die Anwendung noch verbessert werden? Parallel dazu verfolgt Götz einen festen Zeitplan, um die App weiterzuentwickeln.
Wenn sie einen Satz wählen müsste, um ihr Projekt zu beschreiben? Sie überlegt kurz, dann sagt sie: „Durch Design Technologie sichtbar und nutzbar machen.“
Lies auch Teil 1 unserer Zweiteilers über den Master Design und Information
Dieser Artikel wurde im Rahmen des Masterstudiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation verfasst.




